Estimated reading time: 13 Minuten
Kernpunkte
- Das 21. Jahrhundert zeichnet sich durch Paradoxien aus, die durch Dogmenwechsel verstärkt wurden.
- Ein Paradoxon kann in der Philosophie gültig erscheinen, trotz Widersprüchlichkeiten im Alltag.
- Marx kritisierte die gesellschaftlichen Strukturen und stellte die materielle Realität über abstrakte Ideen.
- Marxismus bleibt aktuell, da sich Ungleichheiten, Finanzkrisen und Entfremdung im 21. Jahrhundert verstärkt zeigen.
- Eine Neuinterpretation des Marxismus könnte als analytisches Werkzeug dienen, um soziale Gerechtigkeit und ökologisches Bewusstsein zu fördern.
Es scheint, als habe das 21. Jahrhundert unter dem Zeichen der Paradoxien begonnen. Nicht, dass es zuvor keine gegeben hätte, aber dieses Mal wurden sie durch verschiedene Dogmenwechsel noch verstärkt; zumindest aus meiner Sicht. Wenn wir auf die letzten zwanzig Jahre zurückblicken, können wir das Paradoxon der EU, der USA, Israels (auch wenn dies länger als 20 Jahre dauert) und viele andere erkennen. Wir leben in einer Epoche von Paradoxien. Doch was genau ist ein Paradoxon?
- In der Philosophie ist ein Paradoxon eine These, die der allgemeinen Meinung oder den allgemeinen Prinzipien einer Wissenschaft zu widersprechen scheint, sich bei kritischer Betrachtung aber als gültig erweist.
- Im Alltag hingegen bezeichnet es eine Aussage, die überrascht – einen scheinbaren Widerspruch oder Unsinn, der zum Nachdenken anregt.
Ja, aber in Bezug worauf?
Sicherlich auf etwas, an das wir geglaubt haben oder das uns als wahr verkauft wurde, oder? Hier beginnen wir, die Dichotomie von Form und Substanz zu erforschen – ein Konzept, das uns Marx erklären wird. Bevor ich jedoch näher auf dieses Thema eingehe, möchte ich etwas erzählen, dass das Konzept der kulturellen Hegemonie von Antonio Gramsci (22. Januar 1891 – 27. April 1937) untermauert.
Ich bin in einem kleinen, ländlichen Dorf auf Sizilien geboren und aufgewachsen. Bis zu meinem 20. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Damals, als ich noch ein Teenager war, ragten zwei Parteien besonders hervor: die PCI (Partito Comunista Italiano, Italienische Kommunistische Partei) und die DC (Democrazia Cristiana, Christdemokratische Partei). Mit dem Untergang der «Ersten Republik» im Jahr 1994 kam es schliesslich zur Auflösung der DC (nicht nur). In politischen und religiösen Kreisen hiess es im Wesentlichen: Die beiden Parteien wurden als «Teufel und heiliges Wasser» betrachtet. Die erste galt als das absolut Böse, die zweite als Symbol für Freiheit und Wohlstand.
Wenn man nun geografisch nach Norden, in die Länder Nordeuropas, blickt, verblasst die «folkloristische» oder formale Seite, doch die wesentliche Botschaft bleibt sowohl im Süden als auch im Norden dieselbe. All dies wurde durch die Ereignisse hinter dem Eisernen Vorhang noch verstärkt.
Ich frage mich, ob Marx sich dieses Modell einer kommunistischen Gesellschaft tatsächlich so vorgestellt hat. Das erste Land, das den marxistischen Gedankengang übernahm, war Russland, zunächst unter Lenin und später unter Stalin. Doch waren die Voraussetzungen gegeben, damit das postzaristische Russland in der Lage war, die von Marx beschriebene Revolution durchzuführen? Auf den ersten Blick scheint es, als würde ich einen «historischen Fehler» begehen: Eine Interpretation eines vergangenen Ereignisses, welches auf einer anachronistischen Analyse moderner Konzepte basiert. Aber ist das wirklich so?
Für Marx war von Anfang an klar, dass der Kommunismus in fortgeschrittenen kapitalistischen Nationen wie Deutschland oder Grossbritannien entstehen würde. Dort war das Industrieproletariat bereits zahlreich war und die kapitalistische Produktion die Voraussetzungen für seine Überwindung geschaffen hatte. Das zaristische Russland hingegen war ein überwiegend agrarisches und halbfeudales Reich.
Wo also hätten Lenin und Stalin Fehler begangen? Meiner Meinung nach ist die Verwendung «Fehler begehen» hier ohnehin problematisch.
- Lenin: Sein «Fehler» bestand darin, die marxistische Theorie, die für eine fortgeschrittene Industriegesellschaft konzipiert war, auf eine überwiegend landwirtschaftlich geprägte Nation anzuwenden. Darüber hinaus gründete er eine Partei, die zur Grundlage des späteren totalitären Regimes werden sollte.
- Stalin: Sein «grundlegender Fehler» bestand darin, die marxistische Theorie – auch in ihrer leninistischen Ausprägung – zu verraten und ein System des autokratischen Staatskapitalismus zu schaffen. Er ersetzte das Kollektiveigentum durch Staatseigentum und die Diktatur des Proletariats durch seine persönliche Diktatur.
Seine Praxis lehnte die Prinzipien der Freiheit und Selbstbestimmung der Arbeiter ab, die im Denken von Marx eine zentrale Rolle spielten.
Es gibt noch andere Länder, die den Marxismus übernommen haben – etwa Vietnam, Kuba und China –, doch keines von ihnen hat den «orthodoxen Marxismus» getreu interpretiert.
Ist der reale Marxismus gescheitert?
Ja, aber nicht wegen des Marxismus per se, sondern weil die Menschheit noch nicht bereit dafür ist. Das ist nichts Persönliches, aber meiner Meinung nach verfügt der Mensch noch nicht über die intellektuellen Fähigkeiten (dieses Konzept muss gesondert betrachtet werden…), um diesen Weg konsequent zu beschreiten.
In Wirklichkeit war es jedoch kein völliger Misserfolg. In den Industrieländern, in denen die proletarische Revolution laut Marx hätte stattfinden sollen, haben sich im Laufe der Jahrzehnte bedeutende Veränderungen vollzogen. Würdigere Arbeitsbedingungen, Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse und Respekt vor den Geschlechtern (der jedoch noch nicht vollständig verinnerlicht ist). Natürlich wurden diese Veränderungen mehr oder weniger durch die kulturelle Hegemonie der bürgerlichen Klassen (Bourgeoisie) der jeweiligen Epochen behindert.
Wenn es im 21. Jahrhundert anachronistisch erscheint, von kommunistischer Regierungsführung oder realem Sozialismus zu sprechen, warum ist das «Gespenst» des Marxismus dann in den letzten Jahrzehnten so präsent wie nie zuvor?
… Paradox …
Wie kann ein reales Gesellschaftsmodell zugleich als Fehlschlag gelten und doch als «Benimmregelwerk» für ein zivilisiertes und respektvolles Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft dienen?
Betrachten wir den Philosophen Marx in einem kleinen Ausschnitt – Selbstverständlich handelt es sich nur um einige Passagen seines Gedankenguts. Dies ist nicht der richtige Ort, um näher darauf einzugehen.
Meiner Meinung nach bestand seine erste Revolution darin, dass er sich mit den realen Gegebenheiten der Menschen in der Gesellschaft, in der er lebte, auseinandersetzte. Damit war er der erste Philosoph, der dies tat:
- Es handelt sich um eine umfassende wissenschaftliche Analyse der Gesellschaft mit Blick auf die Praxis, um potenzielle Zukunftsszenarien vorhersagen oder verhindern zu können.
- Marx kritisiert den «logischen Mystizismus» seines Mentors Hegel (27.August 1770 – 14. November 1831) sowie dessen Interpretation des Konkreten und Abstrakten. Im Wesentlichen bestimmt nicht die Idee die Geschichte und die Realität, wie Hegel behauptete, sondern die materielle Realität (die wirtschaftliche Struktur) erzeugt die Ideen. Dinge geschehen nicht, weil sie geschehen müssen, sondern weil bestimmte Bedingungen dafür vorliegen. Die wahren «Triebkräfte» der Geschichte sind demnach nicht abstrakte Ideen oder die Selbstverwirklichung des Geistes, sondern materielle Dynamiken und sozioökonomische Beziehungen.
- Marx’ Kritik am modernen Staat und an der bürgerlichen Wirtschaft: Anstatt die Zivilgesellschaft in sich aufzunehmen und sie zum Gemeinwohl zu erheben, ist es in Wahrheit die Zivilgesellschaft, die den Staat in sich aufnimmt und ihn zu einem blossen Instrument der Partikularinteressen der stärksten Klassen reduziert.
Ein wichtiger Schritt, um sich dessen bewusst zu werden, ist meiner Meinung nach die Unterscheidung zwischen Formellem und Substanziell: Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich (formell), in der Zivilgesellschaft ist dies jedoch nicht der Fall (substanziell). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die moderne Zivilisation eine Gesellschaft des Egoismus und der «realen» Besonderheiten, aber auch eine Gesellschaft der Brüderlichkeit und der «illusorischen» Universalität ist.
Was ich damit sagen will, ist: Siehst du nicht eine gewisse Aktualität darin? All dies schrieb Marx vor fast 200 Jahren – in einer Gesellschaft, die sich noch in der Entstehung befand. Meiner Ansicht nach lassen sich zwei Punkte feststellen:
- Marx war ein Zauberer, eine Art Kassandra, die die Zukunft vorhersagen konnte.
- Oder unsere (heutigen) Gesellschaften haben sich aus soziokultureller Sicht nur geringfügig über den Rahmen der zweiten industriellen Revolution hinausentwickelt.
Marx‘ Kritik am modernen (liberal-demokratischen) Staat bezog sich auf den Dualismus der realen Gesellschaft: Dem Ideal der politischen Emanzipation, das auf formale Demokratie und Gleichheit abzielte, stellte Marx das Ideal der menschlichen Emanzipation gegenüber, das stattdessen auf substanzielle Demokratie und Gleichheit abzielte.
Ein nobles Ideal, das muss man zugeben. Die Idee, eher auf das Substanzielle als auf das Formale zu bestehen, ist wirklich … revolutionär! Als Individuen und nicht nur als Bürger behandelt zu werden, ist meiner Meinung nach das höchste Ziel einer modernen Gesellschaft. Dieses Ziel ist utopisch, nicht wegen der Idee per se, sondern wegen unserer begrenzten «forma mentis».
Es wird von einer forma mentis gesprochen: «Der Begriff beschreibt die Art und Weise, wie eine Person oder eine Gruppe denkt und handelt. Diese wird oft durch Erziehung, Bildung oder Erfahrung beeinflusst. Er kann sich auf ein individuelles oder kollektives Denkmuster beziehen und wird in verschiedenen Kontexten verwendet – von philosophischen Diskussionen bis hin zu Unternehmensberatungen.»
Was hat der Staat seit Marx unternommen, um diese Diskrepanzen zu verringern?
Viele von Marx‘ Kritiken und Analysen des Kapitalismus haben sich im 21. Jahrhundert als erstaunlich aktuell erwiesen:
- Zunehmende Ungleichheit: Die neoliberale Globalisierung hat weltweit zu einem exponentiellen Anstieg wirtschaftlicher Ungleichheiten geführt. Dies ist ein zentrales Thema in der marxistischen Analyse.
- Finanzkrisen: Wiederkehrende Finanzkrisen (wie die von 2008) haben die Instabilität des kapitalistischen Systems verdeutlicht, was eine weitere Vorhersage von Marx war.
- Entfremdung und prekäre Arbeitsverhältnisse: Trotz des technologischen Fortschritts erleben viele Arbeitnehmer des 21. Jahrhunderts Formen der Entfremdung und Prekarität, die denen ähneln, die Marx beschrieben hat. Die Konzepte der Entfremdung und des Mehrwerts lassen sich mit erstaunlicher Kraft auf die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts übertragen. Prekarität, die sich durch befristete Verträge und On-Call-Jobs äussert, ist zum «neuen Gesicht der Ausbeutung» geworden. Sie untergräbt den Schutz der Arbeitnehmer und schafft wirtschaftliche Unsicherheit. Insbesondere die Gig Economy verkörpert ein Produktionsmodell, in dem Arbeitnehmer nur «begrenzten sozialen Schutz» geniessen und häufig «unterbezahlt» sind.
- Die Macht der multinationalen Konzerne und des Überwachungskapitalismus: Die grossen transnationalen Konzerne üben eine immense wirtschaftliche und politische Macht aus. Das Aufkommen des «Überwachungskapitalismus» wirft zudem neue Fragen zum Eigentum an Daten und zur sozialen Kontrolle auf.
- Umweltkrise: Die von Marx beschriebene Logik des unendlichen Wachstums und der Kapitalakkumulation gilt zunehmend als eine der Ursachen der Umweltkrise.
Wenn nicht als Ziel einer gewaltsamen Revolution oder eines staatsorientierten Systems – wie kann der Marxismus dann in unserer Zeit als Zweck, als eine Art intellektueller Kompass, dienen? Hat der Marxismus seine Grundlagen in einer Art «geistiger Führung»? Und kann er zugleich als praktischer Leitfaden für ein gutes Leben in einer modernen, vom Egoismus geprägten Gesellschaft dienen? Ich möchte nicht gegen «Windmühlen» kämpfen, aber ich wünsche mir, dass ein Bewusstsein in den Köpfen entsteht, dass es etwas weniger Ungleichheit gibt. Denn meiner Meinung nach haben wir den falschen Weg eingeschlagen. Wo kann uns der Marxismus helfen?
Kritisches Instrument zur Analyse des Kapitalismus:
- Die Kritik der politischen Ökonomie bietet einen konzeptionellen Rahmen, um die Logik des Kapitals, der Akkumulation, der Ausbeutung und der Kommodifizierung fast aller Aspekte des Lebens zu dekonstruieren.
- Die Klassenanalyse hilft zu verstehen, wie Machtstrukturen und Ungleichheit mit wirtschaftlichen Beziehungen verflochten sind – auch in nicht streng industriellen Kontexten (zum Beispiel im digitalen Kapitalismus).
- Entfremdung: Sie bietet eine Perspektive, um zu untersuchen, wie Arbeit und das moderne Leben Menschen von ihrem Potenzial und den Früchten ihres Engagements entfremden können.
Leitfaden für soziales und politisches Handeln (nicht dogmatisch):
- Kampf für soziale Gerechtigkeit: Der Marxismus inspiriert Bewegungen, die darauf abzielen, Ungleichheiten zu verringern, Arbeitsbedingungen zu verbessern und systemische Ungerechtigkeiten zu bekämpfen.
- Ökologie und Degrowth: Viele zeitgenössische Interpretationen des Marxismus sind mit Umweltbewegungen verflochten und schlagen Alternativen zum Modell des unbegrenzten Wachstums vor.
- Radikale Demokratie: Die Idee einer stärkeren demokratischen Kontrolle über Wirtschaft und Produktion kann als Weiterentwicklung des marxistischen Emanzipationswunsches angesehen werden.
Neuinterpretation und Entdogmatisierung:
- Der zeitgenössische Marxismus hat sich von den dogmatischen und etatistischen Interpretationen des 20. Jahrhunderts gelöst. Denker:innen wie Antonio Negri, David Harvey, Nancy Fraser und viele andere haben Marx vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen neu interpretiert und dabei neue Perspektiven (feministische, postkoloniale, ökologische) integriert.
- Heute konzentriert er sich weniger auf die Vorhersage einer bestimmten Revolution als vielmehr auf die Analyse der inneren Widersprüche des Kapitalismus und der Möglichkeiten seiner Transformation.
Stell dir eine Zukunft vor, in der marxistische Ideen kein starres ideologisches Banner mehr sind, sondern ein mächtiges analytisches Werkzeug. Stelle dir lebhafte Debatten an Universitäten und Berufsbildungseinrichtungen vor, in denen die Konzepte der Entfremdung, der Kommodifizierung und der Widersprüche des Kapitals genutzt werden, um die Komplexität der heutigen Welt zu entschlüsseln.
Es klingt wie ein «Slogan» für eine zukünftige Generation von Führungskräften und Politikern, die einfühlsamer, reflektierter und sozialer orientiert sind. Meiner Meinung nach ist, entgegen dem, was man uns glauben machen wollte, mit dem Fall der «Mauer» auch das «Dogma des Kapitalismus» gefallen.
Abschliessend möchte ich sagen, dass es hier nicht um eine Verflachung der Einkommen geht. Ich halte es für sozial gerecht, dass man entsprechend seiner Ausbildung mehr verdient. Es geht vielmehr um das Mass dieses «Mehr». Ich finde es kindisch: Ich sehe diese Milliardäre oder Millionäre, die unaufhörlich mehr anhäufen, während viele ihrer Angestellten Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen. Das ist, offen gesagt, erbärmlich.
Ja, für mich ist das kapitalistische System in seiner «archaischen» Form Infantilismus! Ich habe das Adjektiv «archaisch» nicht zufällig verwendet, denn seit seiner Entstehung bis heute hat es keine Veränderung (Entwicklung) gegeben: Seine Form hat sich verändert, aber die Substanz ist dieselbe geblieben wie vor 200 Jahren. Man sieht Bilder eines immer skrupelloseren und meiner Meinung nach auch geschmacklosen Kapitalismus.
Wenn der Realsozialismus in seiner Jugend gestorben ist, dann ist der Kapitalismus ein alter Mann im Endstadium – ohne Erben! Jedes statische System ist zum Scheitern verurteilt, da es im Widerspruch zu den Gesetzen der Evolution steht.
Wir leben im Zeitalter der Hybriden – warum also nicht auch in der Ethik?
Die Herausforderungen der Zukunft verlangen nach einem ethischen Kapitalismus – einem Kapitalismus marxistischer Prägung.


Kommentar verfassen